Februar 2021 | Mittwochsalltag
Bis 9 Uhr bin ich beschäftigt, zu schauen, ob der Wolf in seinen Unterricht reinkommt, Frühstück zu machen, Kram aufzuräumen. Meistens klappt das, manchmal gibt es aber Verschiebungen, weil eine Lehrerin krank ist oder etwas dazwischen kommt. Der Wolf schaut nicht so regelmässig in den Klassenchat und braucht dann etwas Assistenz. Heute habe ich ihm noch ein Arbeitsblatt ausgedruckt, damit er mitmachen kann. Er ist motiviert (das kommt nicht so oft vor). Er erzählt mir begeistert, dass der Lehrer ein Lied gesungen hat, was er von Tiktok kennt (hat er mir gleich vorgespielt) und dass er auch am Mac arbeitet. Die kleinen Freuden eines fast 13jährigen.
Ich habe Verspannungen und beginne meinen Arbeitstag mal im Stehen. Dafür habe ich mir einen Stapel Bücher auf den Schrank gepackt und meinen Computer oben drauf. Mein Steharbeitsplatz. Zuerst erledige ich ein paar Überweisungen, weil gestern Zahltag von Digistore war. Dieser Tage wird auch das Finanzamt die Umsatzsteuer fürs vergangene Quartal abbuchen. Ich warte immer noch auf die Genehmigung meines Produktes und werde zunehmend nervös. Ich will den Newsletter schon seit Montag rausschicken mit einem funktionierenden Link. Schicke ich ihn trotzdem raus? Ja!
Das schönste an meinem Newsletter – der eigentlich ein Inspirationsbrief ist – ist, dass mir darauf Menschen antworten. Es ist nicht nur ein anonymes Marketing-Tool. Das sollte es nie sein. Sondern immer ein persönlicher Brief aus meinem Leben. Mit Gedanken, die mich beschäftigen, Ideen und interessanten Links, die ich im Internet finde. Ich freue mich sehr, wenn sich dann jemand die Zeit nimmt, auf “antworten” klickt und mir ein kurzes “Danke” dalässt oder eine persönliche Geschichte erzählt oder mir Mut macht. Das berührt mich sehr. Und so kommen auf meinen mutig herausgeschickten Newsletter (der auch noch furchtbar viele Tippfehler hatte, die ich natürlich erst nach dem Absenden entdeckte) liebevolle und ermutigende Antworten in meinem Posteingang an.
Während ich arbeite (heute steht Kunden-Arbeit auf meinem Plan), ruft meine Mutti an, um meine Stimme zu hören. Wir unterhalten uns ein bisschen und tauschen uns über unseren Alltag, das Wetter und die neuesten Familiengeschichten aus. Später kommt die Putzfrau und arbeitet sich durch das Haus. Ich schaffe trotz der Ablenkungen ein bisschen Kundenarbeit.
Zum Mittag kocht der Mann Kartoffelbrei, Sauerkraut und Gemüsestäbchen. Im Posteingang ploppt die Genehmigung meines Kurses auf. Endlich! Ich war zwischendrin schon ganz entmutigt und hatte Zweifel, ob der überhaupt sein soll. Auf Instagram poste ich einen ersten Hinweis und erhalte schon die erste Buchung. Wow.
Nach dem sehr leckeren Mittagessen, was wir schonmal zusammen mit dem heute ganz gut gelaunten und gesprächigen Wolf essen, fahre ich los, um den Sterngucker aus der Schule abzuholen. Er erzählt mir ganz begeistert, dass er ein Witzebuch gebastelt hat und dort jetzt Witze hineinschreiben wird. Im Auto hören wir “die Schule der magischen Tiere” auf der CD, die wir immer noch von der Bibliothek ausgeliehen haben. Seit November. So lange hat die Bibliothek schon geschlossen. Und viele andere Läden. Wenn ich darüber nachdenke, finde ich das immer so sehr traurig. Dann bekomme ich so viel Mitgefühl für die ganzen LadenbesitzerInnen und Unternehmerinnen. Ich kann das dann kaum aushalten, weshalb ich mich bemühe, darüber nicht so intensiv nachzudenken.
Zurück daheim isst der Sterngucker Mittag, ich erledige ein paar Kundenanfragen und beantworte Emails. Dann bin ich mit dem Jüngsten zu einer Wellness-Session verabredet. Er sucht Entspannungsmusik aus, breitet eine Decke am Boden aus. Dann kraulen wir uns gegenseitig den Kopf und massieren unsere Schultern. Schnurr!
Der Nachmittag vergeht noch schneller als der Vormittag. Ich arbeite ein bisschen, wir trinken zusammen Tee/Kaffee und vertrödeln den Nachmittag (hier ein bisschen Wäsche, da ein bisschen Kinderkram und was eben so anliegt, ohne dass ich es gerade genau benennen könnte). Die Post bringt mir drei Briefe: einen von einer Brieffreundin aus Freiburg, einen von einer meiner Kindergartenfreundinnen, und der dritte Brief ist von der Schule die Bestätigung für das gezahlte Schulgeld für die Steuer. Ah, diese Zeit des Jahres. Steuererklärung.

Gegen vier raffen wir uns zu einem Spaziergang auf. Der Mann und ich. Es schneit schon den ganzen Tag. Wir laufen eine unserer täglichen Strecken, unterhalten uns über unsere Kindheit, über Zugehörigkeit und darüber, wie es uns gerade geht. Ich schätze diese Spaziergänge mit dem Mann sehr. Eine Stunde sind wir unterwegs.
Wieder daheim wärmen wir uns auf und beginnen gegen halb sechs das Abendessen vorzubereiten. Rohkostteller, Reste vom Mittagessen und Dhal von gestern. Für jeden ist etwas dabei. Nach dem Abendessen räumen wir die Küche auf. Der Mann übernimmt das Abendprogramm, ich ziehe mich zurück für meine Sensory Awareness Stunde, die ich schon eine Weile nicht mehr hatte.

Wir experimentieren mit dem Sitzen auf einem Stuhl, ziehen unsere Schultern zu den Ohren und spüren hin, wie es sich anfühlt, vom Stuhl aufzustehen. 1,5 Stunden vergehen damit. Zu Beginn erzählen wir uns immer kurz, was uns gerade beschäftigt – körperlich wie emotional, am Ende tauschen wir uns aus, was wir während der Stunde erlebt haben. Der Abend tut gut. Ich fühlte mich nach langer Zeit wieder groß und erhaben. Als Körpergefühl. Ganz ausgeglichen gehe ich gegen 21 Uhr aus meinem Zimmer.
Während des Abends haben sich weitere Teilnehmerinnen für meinen Fastenzeitkurs entschieden. Ich freue mich, sehe mich aber auch immer wieder mit meinen Zweifeln konfrontiert. Schaffe ich das? Werde ich dem gerecht? Lehne ich mich zu weit aus dem Fenster? Mir fällt ein, dass wir ja den Mitgliederbereich neu eingerichtet haben, und dass ich gar nicht weiss, was die Menschen, die sich da gerade anmelden jetzt sehen. Da gibt es noch ein paar technische Hürden, um die der Mann sich kümmert.

Gegen 21 Uhr kommt auch meistens der Wolf ins Wohnzimmer. Da wird er gesprächig und wach. Es geht ihm nicht so gut, weil er einen Knatsch mit seinem Freund hatte. Ich mache ihm was zu essen und schlage vor, ihm die Haare zu kämmen. Das ist die Art von Nähe, die er gut zulassen kann und geniesst. Also sitzen wir eine Weile, ich bürste ihm seine langen Haare, und wir unterhalten uns ein bisschen. Gegen 22 Uhr möchte ich ins Bett gehen. Wir machen uns bettfertig. In der Küche bereite ich noch eine Wärmflasche für ihn vor. Während das Wasser kocht, zeichne ich mein Portrait in mein Moleskine. Schon über 40 Tage habe ich dieses Projekt durchgehalten! Ich bringe dem Wolf die Wärmflasche, aber er ist schon eingeschlafen.
Im Bett lese ich noch ein paar Seiten in meinem Buch, dann mache ich auch bei mir das Licht aus und schlafe ein.
Was schön ist
der Mann, wie er sich um die Technik des Kurses kümmert und unermüdlich Fehler sucht, geduldig das Layout schön bekommen will an stellen, wo ich schon längst aufgeben würde, unsere Spaziergänge, das gute und frisch gekochte Essen, das Buch, was ich gerade lese, immer noch die Zaubernuss, liebevolle und ermutigende Emails, der Kontakt zu den Kindern, das Gefühl, aus einem Tal wieder rauszuwandern in Richtung Licht
Hat dir der Beitrag gefallen? Wie StrassenkünstlerInnen der Hut, steht hier im Blog eine Teekasse. Nur eben virtuell. Wenn du magst, kannst du mir einen Tee ausgeben. Oder Farben und Papier. Danke für die Wertschätzung <3




2 Kommentare
andrea
Ach Mensch, Ihr seid eine tolle Familie !
Jademond
Manchmal auch nicht :)